USA und Deutschland im Vergleich: American Openness

USA und Deutschland im Vergleich: American Openness

Für TÜV Rheinland habe ich als Junior Consultant neun Monate in den USA verbracht, um dort Unternehmens- und Umweltanalysen durchzuführen. Dabei ging es um die Geschäftseinheit ‚Mobility-Rail’ an den Standorten Littleton, Rochester und Atlanta.

Durch das persönliche Kennenlernen und die enge Zusammenarbeit mit den Kollegen sind mir relativ schnell kulturelle Unterschiede zwischen Deutschen und Amerikanern aufgefallen. Diese Unterschiede sollten uns allerdings nicht voneinander entfernen. Sie bieten vielmehr das Potenzial, voneinander zu lernen und sich menschlich wie beruflich weiterzuentwickeln. Das hat sich übrigens auch seit Trump nicht geändert. Keiner meiner US-amerikanischen Freunde versteht im Übrigen, wie es so weit kommen konnte. Sie sind weiterhin für ein offenes und multinationales Amerika.

Openness

Das bringt mich zu der berühmt-berüchtigten

American Openness

Es gibt dieses typische Klischee: Du triffst in den USA jemanden ganz zufällig und zum allerersten Mal und wirst direkt zu einem BBQ nach Hause eingeladen.

Überraschung: Das Klischee stimmt! Alle Amerikaner, die ich kennenlernen durfte, haben sehr großen Wert darauf gelegt, dass ich mich in der neuen Umgebung wohlfühle, und mich so weit sie konnten integriert. So wurde ich bereits an meinem ersten Tag allen amerikanischen Marketing-Mitarbeitern vorgestellt. Nach einem ganztägigen gemeinsamen Meeting rundeten wir den Abend mit einem gemeinsamen Abendessen ab.

Interesse oder Oberflächlichkeit: How are you?

Auch im Alltag begegnet einem diese Offenheit überall, sei es durch ein (ja ich gebe es zu) automatisiertes „Hey, how are you doing? Can I help you?“ im Jeans-Geschäft oder durch einen kurzen Small Talk mit dem Sitznachbarn im Café, aus dem ein langes Gespräch entsteht.

Viele Freunde in Deutschland, mit denen ich darüber gesprochen habe, halten dieses Kommunikationsverhalten für oberflächlich und glauben, hinter der Frage „How are you doing?“ verberge sich kein echtes Interesse. Ich vertrete allerdings eine andere Meinung. Aus dem „oberflächlichen“, situativen Interesse erwachsen schnell Gespräche mit echter Tiefe – etwa über Politik, Werte und sogar Religion. (Oder man findet zumindest schnell die perfekt passende Jeans.)

Dieses amerikanische „oberflächliche“ Interesse ist mir allemal lieber als die mitunter in Deutschland erlebte Gleichgültigkeit. Wie oft muss man in deutschen Geschäften nach zugänglichem Verkaufspersonal suchen? (Und wie oft führt man ohne Hintergedanken eine angeregte Unterhaltung mit Fremden im Café? – In Deutschland eher eine Seltenheit)

Von Kokosnuss-Deutschen und Pfirsich-Amerikanern

Ich bin genauso oft von Amerikanern nach dem Unterschied zwischen Deutschen und Amerikanern gefragt worden. Dabei habe ich gerne den Vergleich „Coconut vs. Peach“ gezogen – auch wenn er etwas überspitzt ist und es natürlich immer Ausnahmen gibt.

Deutsche sind dabei die Kokosnüsse: Wir haben eine harte Schale, die man erst einmal durchdringen muss. Es gibt gewisse Dinge, über die wir bei den ersten Treffen einfach nicht sprechen. Familie und Privates gehören meist dazu. Es dauert entsprechend lange, bis wir unsere Sicherheitsdistanz aufgeben. Aber wenn man sich unser Vertrauen verdient hat, gelangt man in den „weichen“ inneren Kern. Ab da kann man auf einen treuen und langjährigen Freund zählen.

Best Buddys mit Pausen

Amerikaner andererseits sind eher wie Pfirsiche. Sie haben eine weiche Schale, leicht zu durchdingen: Man kann sich über viele Dinge sofort unterhalten, wird direkt zu Familie und Freunden eingeladen, früh als „Best Buddy“ oder „Honey“ bezeichnet. Als Neuling fühlt man sich wohl und hat das Gefühl, einen hohen Stellenwert beim Gegenüber zu genießen.

Allerdings haben Amerikaner ebenso wie Pfirsiche einen harten, individualistischen Kern, der langjährige, kontinuierliche Freundschaften erschwert. Oft heißt es: aus den Augen, aus dem Sinn. Regelmäßiger Austausch, besonders wenn Kontinente dazwischen liegen, liegt den Amerikanern eher nicht. Doch meldet man sich dann – auch nach Jahren der Abwesenheit – mal wieder bei ihnen und lässt anklingen, dass man in der Nähe wäre, so wird man mit ziemlicher Sicherheit zum Essen und sogar zum Übernachten eingeladen, eben Best Buddys mit Pausen!

Man sieht, es gibt viel zu lernen, voneinander genauso wie miteinander. Und das ist einer der vielen Gründe, warum meine Zeit mit TÜV Rheinland in den USA zu den wichtigsten Erfahrungen meines Lebens zählt.

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