„Stupsen“ für mehr Gesundheit am Arbeitsplatz

„Stupsen“ für mehr Gesundheit am Arbeitsplatz

Wir wissen eigentlich, was gut wäre. Was gesund und ungesund ist. Warum fällt es uns dann so schwer, uns entsprechend zu verhalten? Warum verhalten wir uns riskant oder gesundheitsgefährdend, obwohl Gesundheit ganz oben auf unserer Wertehierarchieliste steht? Wann und unter welchen Bedingungen verändern Menschen ihre Einstellungen und Verhaltensweisen? Mit diesen Themen beschäftige ich mich privat und beruflich – sei es in der Lehre und Forschung, im betrieblichen Gesundheitsmanagement oder bei meinen sportlichen Hobbys.

Ungesund leben nur die Anderen

Ein interessanter Aspekt ist der „optimistische Fehlschluss“ bzw. „unrealistische Optimismus“: Fragt man Raucher, ob sie sich für gefährdet halten, an Lungenkrebs zu erkranken, dann erhält man oftmals ausweichende Antworten. Empirische Daten zeigen, dass das eigene Risiko zu erkranken geringer eingeschätzt wird als das von anderen Rauchern. Warnhinweise auf den Zigarettenschachteln oder weitere Wissensvermittlungen sind nicht hinreichend, um Menschen vor riskantem Verhalten zu schützen oder zu gesunden Verhaltensweisen zu ermutigen. Eine Verhaltensänderung erfordert in der Tat mehr, als lediglich die Konfrontation mit den negativen Konsequenzen eines ungesunden Lebensstils. Aus der Forschung ist bekannt, dass eine große Bandbreite an Persönlichkeits-, Sozial- und Umgebungsfaktoren Einfluss auf unser Verhalten ausüben.

Gesundheit

Ein kleiner Stups in die richtige Richtung

Eine neue Herangehensweise zur Verhaltensänderung stellt die Idee des Nudging dar. Der Begriff kommt aus dem Englischen und bedeutet so viel wie „anstupsen“. Die Methode stammt aus der Verhaltensökonomie und versucht durch subtile Informationen in das Entscheidungsverhalten des Menschen einzugreifen.

Wie könnte man das im Bereich des Arbeits- und Gesundheitsschutzes bzw. der betrieblichen Gesundheitsförderung anwenden? Hier zielt das Nudging darauf ab, die Entscheidungen der Menschen „anzustoßen“. Nicht indem es das weniger Gesunde entfernt, sondern die gesündere Option leichter zugänglich macht. Zum Beispiel im Bereich Kantinenverpflegung als Standardbeilage einen Salat anzubieten oder Obst gut sichtbar am Anfang einer Essensausgabe zu platzieren. Die einfache Erreichbarkeit gesunder Lebensmittel und zugleich eine erschwerte Erreichbarkeit ungesunder Lebensmittel führen zu einer Änderung des Entscheidungsverhaltens. Betriebe können, um zum „gesunden Essen“ anzuregen, auch die Mahlzeitenpreise entsprechend anpassen. Ebenso spielt die Anordnung von Gerichten auf Speiseplänen eine zentrale Rolle: In einem Experiment konnte die Wahrscheinlichkeit der Wahl gesünderer Gerichte erhöht werden, indem sie am oberen oder unteren Ende der Speisekarte platziert wurden.

Aber auch im Bereich der Bewegung kann Nudging gezielt Anreize setzen. Kleine Hinweise an Treppen, zum Beispiel wie viele Kalorien beim Treppensteigen verbrannt werden, lassen die Stufen attraktiver gegenüber Lift oder Rolltreppe erscheinen. Auch die Bereitstellung von Job-Fahrrädern kann deren Nutzung und damit das Ausmaß körperlicher Bewegung deutlich steigern.

Mit Pflanzen gegen den Stress

Verhaltensänderungen lassen sich zudem durch die gezielte Gestaltung des Arbeitsumfelds erreichen. Insbesondere indem die Innenarchitektur der Arbeitsstätte optimiert wird. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die regelmäßig am selben Ort arbeiten, sollten einen eigenen Schreibtisch haben. Aktuell werden in vielen Unternehmen sogenannte „Open Space“-Konzepte eingeführt. Dabei sind keine festen Plätze mehr vorhanden. Das Fehlen eines eigenen Arbeitsbereichs bedeutet jedoch erhöhten Stress und ein herabgesetztes Wohlbefinden. Der Wissensaustausch wird durch moderne Aufenthaltsräume sowie Meetingpoints mit runden Tischen und einem informellen Ambiente besser erreicht. Zusätzliche Pflanzen im Raum können den Stresslevel senken und die Kreativität steigern.

Der richtige Anstoß fürs Gesundheitsmanagement

Das Prinzip des Nudging unterstützt mein zugrundeliegendes Verständnis einer erforderlichen, stärker salutogenetischen Sichtweise. Denn auch hier werden vermehrt die gesundheitsförderlichen Aspekte in den Vordergrund gestellt. Gerade in der Bereitstellung von Informationen über den gesundheitlichen Nutzen zeigt sich die Nähe zum Boosting gesundheitsförderlicher Handlungen. Die angestoßenen Verhaltensweisen wirken sich somit nicht nur positiv auf die individuelle Gesundheit aus, sondern eben auch auf die jeweiligen Belegschaften. Ein ziemlich spannender Ansatz mit vielfältigen praktischen Anwendungsmöglichkeiten und zahlreichen vielversprechenden Studien. Dieser wird in meiner Beratungstätigkeit bei TÜV Rheinland durchaus einen Platz finden.

 

2 Kommentare

  1. Schöne Sache!
    Auch im privatem Umfeld habe ich beobachten könne, dass kleine Änderungen im Alltag häufig längerfristige Veränderungen hervorrufen.
    Im Gegensatz dazu habe ich bei radikalen Änderungen oft bemerkt, dass es mit der aggressiven Haltung oft schon nach wenigen Tagen bis Wochen vorbei ist.

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  2. Sehr geehrte Frau Kardys, klasse dass Sie sich mit Psychologie und Verhaltensmustern befasssen! Denn psychologische Effekte bestimmen eben nicht nur Börsenkurse, sondern unseren Lebensstil. Und der hängt nach meiner Erfahrung zuallererst von dem der Eltern ab. Diese sind die ersten Vorbilder, die Kinder haben. So ist z.B. beim Rauchen nachgewiesen, dass Kinder von Rauchereltern deutlich häufiger auch zu Rauchern werden als Kinder von Nichtrauchereltern. Dann kommt mit der Pubertät die revolutionäre Phase, in der Kinder sich von ihren Eltern abgrenzen und gegenteilige Entscheidungen treffen. Manchmal ist dies gut, oft aber auch schlecht, weil dann der Einstieg in den Drogenkonsum (Alkohol, Nikotin, Marihuana, Fernsehen, etc.) beginnt. Drogen existieren zum Teil von Natur aus und wurden z.T. vom Menschen eigens erfunden. Irrationale Entscheidungen (ungesundes risikoreiches Leben) machen das Menschsein aus und unterscheiden ihn damit von einigen anderen Lebewesen oder Maschinen (Punkt 1). Dazu kommt, dass mächtige reiche Konzerne massive Lobby- und Indoktrinationsarbeit betreiben, um so viele Menschen wie möglich vom Konsum abhängig zu machen, um damit möglichst viel Geld und Vermögen umzuverteilen (Punkt 2). Beim Punkt 1 wird man außer durch Anstupsen nicht viel tun können, manchmal macht nur Schaden klug (meine Großmutter hat nach 50 Jahren Raucherdasein aufgrund einer Lungenentzündung das Rauchen für immer aufgegeben), meistens leider nicht mal das! Beim Punkt 2 kann man allerdings eine Menge tun, z.B. Fernsehwerbung verbieten, Schockbilder anordnen, usw. Hier könnte TÜV Rheinland sich noch mehr durch konkrete Vorschläge und Maßnahmen zum Wohl der Gesellschaft einbringen! Viel Erfolg dabei und vielen Dank für Ihr Engagement! Dr. Stephan Sandvoss

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