Den beruflichen Nachwuchs fördern und für einen qualitativ hochwertigen Berufsabschluss sorgen – so könnte man kurz meine Motivation beschreiben, mich im IHK Prüfungsausschuss zu engagieren. Das mache ich nun schon seit mehr als sechs Jahren. Dabei habe ich gleich mehrere Rollen inne und immer wieder festgestellt, dass man Zeit und Arbeit investieren und vor allem den Willen haben muss, einem Auszubildenden einen guten Abschluss zu ermöglichen.

Abschlussprüfungen sind nicht nur für Prüflinge spannend

Meine Tätigkeit im Ausschuss ist vielseitig. Dazu gehört es unter anderem, schriftliche Abschlussprüfungen zu korrigieren und neue Prüfungsaufgaben zu kreieren. Interessant wird es, wenn ich meine selbst verfassten Prüfungsaufgaben beantwortet vor mir liegen sehe. Dann gehen einem direkt eine Menge Fragen durch den Kopf: Wurde die Aufgabe verstanden? War sie zu schwer oder zu leicht? Haben die Prüflinge die Aufgabe so beantwortet, wie ich es im Sinn gehabt habe? Oder sind sie gar zu ganz anderen Schlüssen gekommen? Dies angemessen und fair zu beurteilen ist nicht immer einfach, aber äußerst spannend!

Ein anderer Teil der Arbeit – der womöglich wichtigste – ist, zusammen mit meinen Ausschusskolleg*innen die praktischen Prüfungen abzunehmen. Das ist der Teil der Prüfung, der bei kaufmännischen Berufen meist mündliche Prüfung genannt wird. Für die Prüflinge ist das der letzte Teil der Ausbildung und der letzte der Abschlussprüfung. Nur noch wir stehen zwischen den Azubis und dem Berufsleben.

Die letzte Hürde zwischen Azubi und Berufsleben

Die Prüflinge haben 20 Minuten Zeit, sich einen von zwei kaufmännischen Fällen auszusuchen und vorzubereiten. Anschließend werden die Auszubildenden aus dem Vorbereitungsraum abgeholt – oft auch von mir – und in den Prüfungsraum begleitet.

Die Prüflinge sind verständlicherweise nervös und sehr angespannt. Wenn ich hereinkomme und sie abhole, sieht man in ihren Gesichtern häufig einen Ausdruck, der sagen möchte: „Oh Gott, jetzt geht es los.“

Zeit für die Entscheidung

Ich versuche den jungen Menschen ein wenig die Angst zu nehmen und mit ein bisschen Smalltalk die Situation aufzulockern. Das klappt leider nicht immer. Meistens nimmt die Anspannung noch mal zu, kurz bevor wir den Prüfungsraum betreten. Und das kann ihnen niemand übelnehmen, denn drinnen sitzen bereits vier Personen, frontal aufgereiht wie an einer Richterbank. Und ich setzte mich dann noch dazu, sodass fünf Personen geschlossen gegenüber einer Person sitzen. Auf der anderen Seite: ein Stuhl und ein kleiner Tisch, an dem man sich im Notfall festhalten könnte, falls einem schwindelig wird. Also noch einmal tief Luft holen und dann geht es los.

Prüfungsausschuss

„Wir sind ein netter Ausschuss“

„Wir sind ein netter Ausschuss“ – das sagen wir gern zum Einstieg, wenn wir uns als Ausschussmitglieder vorstellen. Damit möchten wir unseren Prüflingen die Nervosität nehmen. Das klappt mal mehr, mal weniger gut. Aber die Aussage ist ernst gemeint: Weil alle, wie wir dasitzen, die „Richter“ und die verunsicherte Person auf der „Anklagebank“, dasselbe Ziel haben: ihm oder ihr zu einem erfolgreichen Abschluss zu verhelfen. Wir sind nicht da, um jemanden „zu verurteilen“, sondern glücklich zu machen, auch wenn er oder sie das vielleicht noch nicht weiß. Mit Blick auf die Vornoten unseres Schützlings können wir abschätzen, wie intensiv wir die Prüfung durchführen müssen, damit der Kandidat oder die Kandidatin einen Abschluss erreicht oder sich vielleicht noch den Sprung auf eine bessere Note verdienen kann. 

Aber eines wollen wir gewiss nicht: Prüflinge gezielt durchfallen lassen. Durch eine Änderung der Prüfungsverordnung vor ein paar Jahren gilt eine nicht bestandene mündliche Prüfung als nicht bestandene Gesamtprüfung. Das heißt, wer durchfällt, muss die gesamte Abschlussprüfung wiederholen. Stellt euch das einmal vor: Ihr seid schriftlich ein Ass, könnt aber mündlich nicht so gut vortragen oder präsentieren, weil ihr in dem Bereich eine Schwäche habt. Wenn nun eure schriftliche Prüfung gut bis sehr gut verlaufen ist, ihr bei uns im Prüfungsausschuss dann aber kein Wort herauskriegt, müssten wir das mit null Punkten beurteilen. Das würde bedeuten: durchgefallen. Das kann ja nicht zielführend sein und sorgt auch für eine gewisse Anspannung auf unserer Seite. Eine solche Entscheidung ist nicht leicht.

Wenn es soweit kommt, hat das erhebliche Konsequenzen für die Prüflinge. Sie müssten mindestens ein halbes Jahr „verlängern“ und alle Prüfungen wiederholen. So etwas kann schon mal die Lebensplanung durcheinanderbringen, wenn vielleicht schon die nächsten Schritte geplant sind. Etwa ein fester Anstellungsvertrag, der Studienplatz oder ein Auslandsaufenthalt. In meiner gesamten Zeit als Prüfer ist das bisher drei Mal vorgekommen, dass wir jemanden haben durchfallen lassen. Oder besser gesagt: dass wir jemanden durchfallen lassen mussten. In diesen Fällen konnten wir so wenig substanzielles Wissen abrufen, dass wir hier keinen staatlich geprüften Berufsabschluss hätten rechtfertigen können. Das ist auch eine Frage der Fairness gegenüber allen Prüflingen, die sich vorbereitet haben – und das tun die meisten.

Vorbereitung ist alles

Mit einer guten Vorbereitung klappt auch das Gespräch gut. Wir merken sehr schnell, ob jemand gelernt hat oder nicht, was oft schon ein Blick auf die bisher erreichten Noten in den schriftlichen Prüfungen zeigt. Im Prinzip ist es ein lebendiges Interview. Die meisten Prüflinge schütteln ihre Nervosität ab, wenn sie die Gelegenheit hatten, zunächst etwas von sich zu erzählen und wie ihre Ausbildung verlaufen ist. Dann wird über den Fall gesprochen, für den sie sich entschieden haben. Wenn es gut läuft, kommt bei der Gelegenheit ganz viel Wissen zum Vorschein. Die Prüflinge sind „warm gelaufen“ und zeigen, was sie können.

Da die Prüfung nur eine halbe Stunde dauert, müssen wir ab und zu auch mal unterbrechen und gezielte Fragen zu einem Sachverhalt stellen, um beurteilen zu können, ob man hier oder da Punkte vergeben kann. Das ist oft ein kritischer Punkt im Verlauf des Gesprächs. Die Unterbrechung stoppt den mühsam erkämpften Redefluss und manche kommen ins Schlingern, verlieren den Faden und sind verunsichert. Aber wir helfen auch gern weiter, greifen unseren Prüflingen unter die Arme und schauen, dass sie wieder Fahrt aufnehmen.

Der beste Moment in der Prüfung

Dann ist es auch schon vorbei. Dreißig Minuten sind um und wir bitten die Prüflinge, kurz draußen vor der Tür zu warten. Eine kurze Beratung unter uns Ausschusskolleg*innen – und wir einigen uns auf eine Note. Durchgefallen gibt es nur selten. Wir bitten die Person wieder herein und teilen ihr die in den meisten Fällen freudige Nachricht mit: Bestanden. Aus dem gequälten Gesichtsausdruck vom Beginn der Prüfung wird Freude und Erleichterung. Geschafft! Und wir freuen uns, jemanden glücklich gemacht zu haben. Dabei waren wir das gar nicht. Sondern er oder sie selbst. Die gute Leistung hat uns davon überzeugt, dass unser Schützling diesen Beruf künftig ausüben kann.

TÜV für Auszubildende

Ich betrachte unsere Arbeit im Prüfungsausschuss auch gern als den TÜV (woher mag das wohl kommen?), der die letzte Prüfung vor dem Start ins Berufsleben abnimmt. Und wenn wir guten Gewissens unser Prüfsiegel ausstellen können, haben alle Beteiligten einen guten Job gemacht. Ich sehe uns dabei als Dienstleister und die Prüflinge als Kunden. Sie bereiten sich auf eine Zertifizierung vor und wir nehmen die Prüfung dazu ab. Am Ende eines langen Prüfungstages bleibt der Gedanke, jungen Menschen geholfen zu haben, erfolgreich ins Berufsleben zu starten.

Autor des Beitrags

Norman Hübner

Norman Hübner

Pressesprecher

Norman Hübner ist Pressesprecher für die Themen digitale Transformation und Cybersecurity bei TÜV Rheinland. Als Science-Fiction-Fan und Freund von Weltraumforschung begeistern ihn die Möglichkeiten des digitalen Wandels. In seiner Freizeit ist der zweifache Vater ein ausgesprochener Familienmensch. Im Berufsalltag ist ihm Besonnenheit und gegenseitiger Respekt vor der Wertschöpfung der Kollegen wichtig.

Mein Karriere-Tipp für euch lautet: Verinnerlicht die TÜV Rheinland Werte und findet heraus, welche davon am besten zu euch passen. Dann lebt und arbeitet danach.

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